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Herkunft und Aufbau

Zweigliedrige germanische Vornamen und ihre Bausteine

Ein großer Teil der alten deutschen Vornamen ist nach einem einzigen Muster gebaut: zwei Wortglieder aus dem germanischen Wortschatz werden zu einem Namen verbunden. Ger- ist der Speer, -hard bedeutet hart, also ergibt sich Gerhard. Das Muster ist gut belegt und lässt sich Name für Name nachvollziehen. Weniger bekannt ist, dass die beiden Glieder ursprünglich nicht zusammen gelesen wurden — dazu weiter unten mehr. Diese Liste zeigt die Bausteine, nicht eine Deutung Ihres Kindes.

Namensglieder und ihre Bedeutung nachschlagen

Angegeben ist die Bedeutung der einzelnen Wortglieder in der Sprachgeschichte, nicht eine Aussage über den Namensträger. Für die Eintragung ist das Standesamt zuständig.

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Gerhard

ger + hart

ger «Speer», hart «hart, stark». Kurzform Gerd.

Kampf und Waffe

Gertrud

ger + þrūþ

ger «Speer», þrūþ «Kraft, Stärke». Kurzform Trudi.

Kampf und Waffe

Hildegard

hild + gard

hild «Kampf», gard «Gehege, Schutz». Bekannt durch Hildegard von Bingen.

Kampf und Waffe

Mathilde

maht + hild

maht «Macht», hild «Kampf». Kurzformen Tilda und Hilde.

Kampf und Waffe

Hartmut

hart + muot

hart «hart», muot «Sinn, Gemüt». Beide Glieder sind im heutigen Deutsch noch erkennbar.

Kampf und Waffe

Waltraud

walt + þrūþ

walt zu «walten, herrschen», þrūþ «Kraft». Kurzform Traudl.

Kampf und Waffe

Dietrich

diot + rīhhi

diot «Volk», rīhhi «mächtig, Herrscher». Verwandt mit «deutsch» im ursprünglichen Wortsinn «zum Volk gehörig».

Herrschaft und Rat

Friedrich

fridu + rīhhi

fridu «Friede, Schutz», rīhhi «mächtig». Kurzformen Fritz und Fred.

Herrschaft und Rat

Heinrich

heim + rīhhi

heim «Haus, Heimat», rīhhi «mächtig». Kurzform Heinz.

Herrschaft und Rat

Konrad

kuoni + rāt

kuoni «kühn», rāt «Rat, Beratung». Kurzform Kurt.

Herrschaft und Rat

Reinhard

ragin + hart

ragin «Rat, Ratschluss», hart «hart». Dasselbe Vorderglied steckt in Reinhild und Reinhold.

Herrschaft und Rat

Ludwig

hlūd + wīg

hlūd «laut, berühmt», wīg «Kampf». Die französische Form davon ist Louis.

Ruhm und Glanz

Rüdiger

hruod + ger

hruod «Ruhm», ger «Speer». Dasselbe Vorderglied wie in Rudolf und Roland.

Ruhm und Glanz

Norbert

nord + beraht

nord «Norden», beraht «glänzend». Das Hinterglied steckt auch in Albert und Robert.

Ruhm und Glanz

Siegfried

sigu + fridu

sigu «Sieg», fridu «Friede, Schutz». Bekannt aus dem Nibelungenlied.

Ruhm und Glanz

Adelheid

adal + heit

adal «edles Geschlecht», heit «Wesen, Art, Stand». Kurzform Heidi.

Ruhm und Glanz

Bernhard

bern + hart

bern «Bär», hart «hart, stark». Kurzform Bernd.

Tier und Schutz

Wolfgang

wolf + gang

wolf «Wolf», gang «Gang, Weg». Das Hinterglied ist selten und fast nur hier erhalten.

Tier und Schutz

Arnold

arn + walt

arn «Adler», walt zu «walten». Kurzform Arno.

Tier und Schutz

Wilhelm

willo + helm

willo «Wille», helm «Helm, Schutz». Kurzformen Willi und Helm.

Tier und Schutz

Irmgard

irmin + gard

irmin «groß, allumfassend», gard «Schutz». Dasselbe Hinterglied wie in Hildegard.

Tier und Schutz

Gisela

gīsal

gīsal «Geisel, Unterpfand» — ein einziges Glied. Nicht jeder alte Name ist zweigliedrig.

Einstämmige Namen

Karl

karl

karl «freier Mann, Kerl» — ebenfalls einstämmig. Daraus entstand in slawischen Sprachen das Wort für König.

Einstämmige Namen

Wie ein zweigliedriger Name gebaut ist

Das Baumaterial stammt aus dem alltäglichen Wortschatz des Althochdeutschen und der verwandten germanischen Sprachen: Waffen, Tiere, Kampf, Herrschaft, Ruhm, Schutz. Aus diesem Vorrat wurden zwei Glieder kombiniert, ein Vorderglied und ein Hinterglied. Manche Glieder standen bevorzugt vorn, andere hinten, und einige konnten beides. Deshalb existieren Paare wie Hildegard und Gerhild, bei denen dieselben Bausteine die Plätze tauschen.

Warum die Bedeutung kein Satz ist

Hier liegt der häufigste Irrtum. Siegfried wird gern als «Friede durch Sieg» gedeutet, Gertrud als «Kraft des Speers». Sprachgeschichtlich lässt sich das so nicht halten: Die Glieder wurden nach Familientradition kombiniert, nicht um eine Aussage zu bilden. Wer ein Kind Gerhard nannte, wollte meist an einen Verwandten mit Ger- oder mit -hard anknüpfen. Die Einzelglieder haben also eine belegbare Bedeutung, der zusammengesetzte Name hat sie in aller Regel nicht. Wenn Ihnen jemand für einen solchen Namen eine fertige Gesamtbedeutung anbietet, ist das eine nachträgliche Deutung.

Variation, Nachbenennung und was heute davon übrig ist

In einer Familie wurde ein Glied über Generationen weitergegeben — der Sohn von Gerhard hieß dann etwa Gerwin oder Gerlinde. Diese Technik heißt Variation; die schlichte Wiederverwendung des ganzen Namens heißt Nachbenennung, sie verbreitete sich später mit den Heiligennamen. Im heutigen Gebrauch sind vor allem die Kurzformen übrig geblieben: Heidi zu Adelheid, Gerd zu Gerhard, Willi zu Wilhelm. Wer einen der langen Namen wählt, wählt in der Praxis also meist auch eine Kurzform mit — es lohnt sich, beide vorher laut auszusprechen.

Quellen